Die Energiewende als radikaler Wandel unter den Bedingungen von Komplexität - Diskussionsveranstaltung auf dem EUREF-Campus

Betrachtet man das Energiesystem als ein soziotechnisches System, geht es bei der Energiewende nicht allein um das Ersetzen fossiler und nuklearer Energiequellen mit erneuerbaren Energien, sondern um eines der global ambitioniertesten politischen Programme im Energiesektor. Unter dem Titel „Energiewende: Incremental Change or System Transition?“ luden die TU-Campus EUREF gGmbH, ein An-Institut der TU Berlin, und die Hertie School of Governance am Montagabend zu einer gemeinsamen Diskussionsveranstaltung auf den EUREF-Campus in Schöneberg ein. In einem voll besetzten Audimax lenkte Roland Kupers, unabhängiger Berater und Visiting Fellow der Oxford University, den Blick auf die Komplexität und Unsicherheit des Wandlungsprozesses der Energiewende. Er forderte ein neues Verständnis von Public Policy, das auf einem Bewusstsein für die Komplexität, verstanden als in sich verflochtene Strukturen, basiert. Als besonders relevante Aspekte hob Kupers soziale Normen, Netzwerke und Bottom-up-Ansätze hervor.

Ob es sich bei der Energiewende um einen radikalen Wandel oder einen inkrementellen Veränderungsprozess handelt, wurde in der anschließenden Podiumsdiskussion von Experten aus Wissenschaft, Öffentlichkeit und Wirtschaft diskutiert. Claudia Kemfert, Professorin an der Hertie School of Governance und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, argumentierte für eine Politik der Steuerung im Energiesektor mit klar definierten Netzwerken und Akteuren. Andreas Kuhlmann, Geschäftsbereichsleiter Strategie und Politik beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, ergänzte, dass die Energiewende Bedeutung über den Energiesektor hinaus habe und somit in dem Prozess eine Vielzahl an Stakeholdern und Interessen zu berücksichtigen seien, der zudem eine intelligente Rahmung benötige. Paul Lehmann vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung plädierte für eine gemischte Strategie und wies aus ökonomischer Sicht auf die Grenzen sozialer Normen hin. Jörg Mayer-Ries, Referatsleiter im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, wies darauf hin, dass Komplexität mit einem hohen Grad an Intransparenz und Nichtwissen einhergehe und daher nicht alle Verbindungen im System zu überschauen seien. Daher könne die Politik heute noch nicht wissen, wie das Energiesystem im Jahr 2050 aussehe.

Dass es sich bei der deutschen Energiewende um einen mehr oder weniger radikalen Wandel handele, indem Konsumenten zu Produzenten werden, Verhaltensänderungen gefordert und weitreichende Veränderungen über Systemgrenzen hinaus die Konsequenz sind, bejahten die Diskutanten, forderten aber ein radikaleres weiteres Vorgehen.
Die Idee des EUREF-Campus, die Energiewende gemeinsam mit einer Verkehrswende anzugehen und Veränderungsprozesse systemübergreifend zu erforschen, indem Elektromobile als Energiespeicher in einem intelligenten Netz integriert werden, ist ein Beispiel für die komplexen Herausforderungen der Energiewende, ergänzte Hans-Liudger Dienel, Professor an der TU Berlin, der die Veranstaltung moderierte.