Umweltpolitik 3.0 - Festival der Zukunft auf dem EUREF-Campus

Am 10. und 11. September 2016 fand eine außergewöhnliche Veranstaltung auf dem EUREF-Campus statt, obwohl wir hier Superlative gewohnt sind. Das Bundesumweltministerium feierte mit dem „Festival der Zukunft" sein 30-jähriges Bestehen. EUREF-Vorstand Reinhard Müller und Rada Rodriguez, Deutschland-Chefin von Schneider Electric, begrüßten Dr. Barbara Hendricks auf dem Campus. Die Ministerin absolvierte ein straffes Programm am Samstag.

Die gesamte Fläche des Campus war in die Veranstaltung mit einbezogen. Ob Werkstatt oder Pinos Schmiede und auf allen Freiflächen hatten sich 108 Organisationen und Verbände aufgestellt und informierten über ihre Arbeit. Darunter auch die auf dem Campus ansässigen Unternehmen Cisco, Deutsche Bahn, Ebee, MCC, MINT, Tilia sowie ZMI Software und Innovation.

Als hätte Tim Bendzko sein Lied für Umweltministerin Barbara Hendricks geschrieben. Sie fühlt sich jedenfalls angesprochen, wenn sie in der Welt unterwegs ist und nächtelang mit ihren Kollegen aus allen Erdteilen darüber verhandelt, wie wir den nachfolgenden Generationen einen Planeten hinterlassen, auf dem sie noch genauso gut leben können wie wir. „Da draußen brauchen sie mich jetzt, die Situation wird unterschätzt. Und vielleicht hängt unser Leben davon ab. Muss nur noch kurz die Welt retten ...", singt Tim Bendzko. Ja, so ist es. Die Situation wird unterschätzt und nicht nur vielleicht, sondern tatsächlich hängt unser Leben davon ab.

„Wir werden 2030 anders, aber nicht schlechter leben als jetzt", sagt die Umweltministerin. Und Professor Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des weltweit anerkannten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) schätzt die Wahrscheinlichkeit, die Welt zu retten, auf 19 Prozent ein. Und er hält das für eine halbwegs gute Nachricht, denn es könnten ja auch Null Prozent sein.

Aus 143 Fachvorträgen zu den Themen „Arbeit und Wirtschaft", „Klimaschutz und Energiewende", „Naturschutz und Artenvielfalt", „Stadt, Land und Leben" und „Weltumwelt und Gerechtigkeit" konnte man wählen. Darunter auch die großen Diskussionsrunden im Gasometer zum Beispiel zum Thema „Zwischen Dosenpfand und Weltenrettung. Brauchen wir eine neue Umweltpolitik?" Neben Barbara Hendricks beantworteten u.a. so prominente Teilnehmer wie der ehemalige Umweltminister und Direktor des UN-Umweltprogramms Klaus Töpfer und Hans Werner Sinn die Frage mit einem klaren Ja. In den Gesprächsrunden wurde aber deutlich, dass sich gerade in der Politik die Notwendigkeit mit der Weltrettung jetzt zu beginnen, noch nicht richtig durchgesetzt hat. Dass ihr Ministerium als drittletztes am Kabinettstisch sitzt, nimmt Barbara Hendricks gelassen. Gegenwärtig kämpft sie dafür, dass das Umweltressort ein Initiativrecht bekommt, um in andere Ministerien hineinzuwirken. So haben beispielsweise Verkehr und Landwirtschaft direkt mit der Umwelt zu tun. Es sei nicht ihr Ziel, diese Ministerien zusätzlich zu übernehmen, sie würde sich aber freuen, wenn dort auch Umweltpolitik stattfände.

Am frühen Nachmittag des 10. September stellte die Ministerin im Gasometer zwei Broschüren vor, gedruckt auf Umweltpapier, natürlich. Das integrierte Umweltprogramm 2013 zeigt auf 130 Seiten, was zu tun ist und kommt zu der Erkenntnis, dass, um den umweltpolitischen Herausforderungen wirksam zu begegnen, grundlegende Veränderungen in Gesellschaft, Industrie und Landwirtschaft, Energie- und Ressourcennutzung, Verkehr und Infrastruktur unabdingbar sind. Schlicht gesagt, also überall. Bis 2030 will man allein Verbrennungsmotoren und die Kohleförderung abschaffen. Da ist nicht mehr viel Zeit.

Nicht nur wegen der oft erwähnten Globalisierung, sondern weil der Klimawandel keinen Grenzen kennt, ist Umweltpolitik ein weltweit vernetztes Thema. Es ist sicherlich richtig, wenn wir unsere Atomkraftwerke abschalten. Was nützt es uns jedoch, wenn unsere französischen und polnischen Nachbars ihre am Netzt behalten? Denken wir an Tschernobyl, im Gegensatz zu Frankreich und Polen weit über 1.000 km von uns entfernt. Pilze wollte nach 1986 in unseren Wäldern niemand mehr pflücken.

Umweltschutz ist nicht allein Sache der Politiker, sondern auch der Bürger. Und so wurde ein Bürgergutachten zum Umweltprogramm 2030 der Bundesregierung vorgestellt. In sechs Städten (Leipzig, Düsseldorf, Freiburg, München, Hannover und Berlin) wurden zwischen dem 23. Januar und 20. April 2016 Bürgerräte durchgeführt. Ein aus 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bestehender Jugendrat aus Berlin fasste in fünf Themenfeldern seine Forderungen zusammen. Die heute im Schnitt 15-jährigen werden 2030 voll im Berufsleben stehen und Familien gegründet haben. Für ihr Leben fordern sie die jetzige Generation und die aktuellen Entscheidungsträger unter anderen auf, „die Elektromobilität für die breite Masse attraktiver zu gestalten", „Einsparen von Energie und umweltbewusstem Verhalten in den Rahmenlehrplan zu integrieren", „die Massentierhaltung zu verbieten", und vieles mehr. Das sind alles umsetzbare Anliegen. Man muss es nur wollen.

Das Bürgergutachten endet mit dem Satz: „Wir fordern, unsere globale Verantwortung ernst zu nehmen!" Wie schwer es ist, sich mit Umweltthemen Gehör zu verschaffen und weltweit ernst genommen zu werden, wurde in der Abschlussveranstaltung am ersten Tag des „Festival der Zukunft" deutlich. Hochkarätig war die Diskussionsrunde zusammengesetzt. Und das begann schon beim Moderator.

Zum Thema „Kriege, Hunger, Klimawandel: Kann die Umweltpolitik 3.0 die Welt noch retten?", versammelten sich auf dem Podium unter der Gesprächsleitung von Dirk Steffens, der uns mit seinen Terra X-Reportagen im ZDF jeden Sonntag um 19.30 Uhr fasziniert, Barbara Hendricks, die UN-Sonderbeauftragte Klima Mary Robinson, Hans Joachim Schellnhuber (PIK), Luxemburgs Umweltministerin Carole Dieschbourg, der ehemalige Präsident von Kiribati Anote Tong, und Greenpeace Executive Director Jennifer Morgan.

Ob 1,5 oder 2,0 Grad Erderwärmung, die Verlierer, so Prof. Schellnhuber, stehen fest. Und dazu gehört leider auch Kiribati. „Der aus einer Vielzahl von Inseln bestehende Staat liegt etwa auf der Hälfte des Weges zwischen Hawaii und Australien in Mikronesien. Zwar beträgt die Ausdehnung des Staatsgebietes rund 5,2 Quadratkilometer, wovon aber nur 811 Inselland sind, was etwas kleiner als Berlin ist. Der Großteil des Landes befindet sich weniger als zwei Meter über dem Meeresspiegel. Damit dürfte Kiribati eines der ersten Länder sein, welche infolge des Klimawandels zum Großteil im Meer versinken werden. Mitte 1999 wurde bekanntgegeben, dass bereits zwei unbewohnte Korallenriffe überflutet wurden."

Wie die gut 100.000 Einwohner von Kiribati gerettet werden können, ist noch völlig unklar. Insgesamt werden zwischen 200 und 500 Millionen Menschen wegen der Überflutung ihrer Länder umgesiedelt werden müssen. Angesichts dieser Zahlen ist es unverständlich, warum Verhandlungen zum Thema Umweltschutz immer so lange dauern.

An beiden Tagen haben am Festival rund 4.200 Besucher teilgenommen. Eine sehr gute Zahl angesichts des großen Alternativangebots an diesem Wochenende in Berlin. Eine gelungene Veranstaltung, die nicht erst wieder zum nächsten Jubiläum des Ministeriums wiederholt werden sollte.

Text und Fotos: Ed Koch