Weltpolitik auf dem EUREF-Campus

Auf dem EUREF-Campus fand am 26. Februar eine ganz außergewöhnliche Veranstaltung statt. Von deutsch-russischer Kooperation oder gar Freundschaft ist in diesen Tagen wenig zu hören. Die Ukraine-Krise überlagert die einst so guten Beziehungen während und nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Die Annektierung der Krim ist und bleibt völkerrechtswidrig. Das unterstrich Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier im Audi-Max des Wasserturms in Anwesenheit des russischen Botschafters Wladimir Michailowitsch Grinin.

Dennoch, oder gerade wegen der Krise, ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben. Die Deutsche Energie-Agentur (dena) und die TU-Campus EUREF luden zu einem hochrangig besetzten Gespräch ein. Thema: Deutsch-Russische Kooperation in Forschung, Innovation und Ausbildung – Gemeinsam für Energieeffizienz und Klimaschutz. Vereinbart wurde der Aufbau einer strategischen Partnerschaft zwischen der TU-Campus EUREF gGmbH und der Ural Federal University (UrFU) in Jekaterinburg. An der Universität, die den Namen des früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin trägt, sind 57.000 Studenten eingeschrieben, an der Berliner TU sind es 32.750.

An dem Gespräch mit rund 200 Vertretern aus Forschung, Wissenschaft, Industrie und Politik nahmen auf dem Podium Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier (SPD), Prof. Dr. Victor Anatolyevich Koksharov, Rektor der UrFU, Prof. Dr. Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin, und Rada Rodriguez, Vorsitzende der Geschäftsleitung von Schneider Electric Deutschland, teil. Moderiert wurde die Veranstaltung von Stephan Kohler, Gesellschafter der TU-Campus EUREF gGmbH.

Alle Gesprächsteilnehmer bemühten sich, die Gemeinsamkeiten in der Zusammenarbeit für die Verbesserung der Energieeffizienz und des Klimaschutzes hervorzuheben. Außenminister Steinmeier bewertete das deutsch-russische Verhältnis als „etwas aus der Normallage geraten", mahnte gleichzeitig aber an, dass die Völker sich nicht entfremden dürfen. Die Wissenschaft sei dafür ein guter Ansatz.

Im August werden 20 Studenten aus Jekaterinburg an der „Summer School" der TU auf dem EUREF-Campus teilnehmen. Im darauf folgenden Jahr werden 20 TU-Studenten an den Ural nach Russland reisen. Nach Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk ist Jekaterinburg die viertgrößte Stadt und Zentrum der drittwichtigsten Wirtschaftsregion Russlands. Rund 1,5 Millionen Menschen leben in Jekaterinburg.

870 Kooperationen bestehen zwischen deutschen und russischen Universitäten. Für Professor Koksharov sind die deutschen Universitäten die besten Partner. Den mehrfach in der Veranstaltung geäußerten Verdacht, Russland wende sich von Europa in Richtung China ab, widersprach Koksharov. Natürlich pflege man auch zu China gute Beziehungen, was aber an denen zu Europa, insbesondere Deutschlands, nichts ändere. Koksharov räumte aber ein, dass die gegenwärtige Situation „uns allen schadet". Die gegen Russland verhängten Sanktionen seien schädlich.

Koksharov sagte, dass die Energiekosten für die Bevölkerung Russlands, trotz des Rohstoffreichtums seines Landes, jährlich um zehn Prozent steigen. Vor allem deshalb sei das Thema Energieeffizienz für Russland von großer Bedeutung.

Für TU-Präsident Thomsen arbeite die Wissenschaft unabhängig von der Tagespolitik. Sie sei die Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Und auch die Chefin von Schneider Electric Deutschland, Frau Rodriguez, betonte, wie wichtig die Kooperation mit Russland bei der Frage der Energieeffizienz sei. Die Elektroindustrie, mit 850.000 Beschäftigten der zweitgrößte Industriezweig in Deutschland, könne dazu viel beitragen.

Dass im Sommer 20 Studenten aus Russland nach Berlin kommen, mag ein kleiner Schritt, vor allem aber in die richtige Richtung, sein. Für Frank-Walter Steinmeier ist das aber erst der Anfang, aus dem sich viele weitere Projekte entwickeln werden.

Beim anschließenden Get-Together standen vor allem die inhaltlichen Fragen der Zusammenarbeit im Vordergrund, jedoch immer verbunden mit der Hoffnung, dass die Ukraine-Krise bald beendet werden kann. Der Außenminister hält das, im Gegensatz zu anderen Krisengebieten dieser Welt, für möglich.

Text: Ed Koch